A film by Michal Kosakowski

REVIEW ‘ZERO KILLED’ @ FILMGAZETTE

by Ulrich Kriest | Filmgazette, Feb 6, 2014

“Are you talking to me?”

“Das Grauen. Das Grauen.” Wir erinnern uns, oder? “Apocalypse Now!” Colonel Kurtz. Oder vielleicht doch lieber Georg Büchner? “Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?” Schlummert da was in uns? Ein Abgrund gar? Fragen sie dazu doch Michal Kosakowski! Der hat solche Fragen gleich weitergereicht an ein paar Handvoll Leute, die nicht nur Tötungsphantasien haben und einmal offen drüber reden wollen, sondern diese vielleicht auch sehen wollen. Sagen sie jedenfalls. Deshalb das Angebot und die Bedingung Kosakowskis: wir setzen deine Phantasie in Szene, aber nur, wenn du mitspielst. Als Täter oder als Opfer.

Die gedrehten Kurzfilme wurden als Videoinstallation erstmals 2007 in München der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In den folgenden Jahren holte der Filmemacher seine »Mittäter« erneut für Interviews vor die Kamera, wo sie nun nicht nur über die Filme und die ihnen zugrundeliegenden Phantasien Rede und Antwort standen, sondern sich auch zu abstrakteren Fragen zu Gewalt, Folter, Rache, Todesstrafe, Krieg, Religion oder dem Wesen des Menschen äußerten.

Der Film “Zero Killed” ist nun eine Montage aus beiden Werkgruppen, unterlegt mal mit ironischer, dann wieder reißerischer Musik. Es ist eine verstörende Montage. Zunächst, weil Kosakowski ganz selbstverständlich davon auszugehen scheint, dass sein Sample von Gesprächspartnern irgendwie repräsentativ ist. So sehen wir uns Menschen – Frauen wie Männern – gegenüber, die mal verschwörerisch, mal lächelnd, mal lässig, mal angestrengt, mal selbstgefällig vor laufender Kamera ihre Tötungsphantasien ausbreiten oder über die angesprochenen Themen räsonieren.

Dieses Räsonnement ist nun eingebettet in teilweise drastische und mit viel Liebe zum Detail und zum Genre inszenierte Gewaltphantasien, wobei unklar bleibt, welcher Teil des Films sich wozu oder ob überhaupt illustrativ verhält. “Wenn du in der richtigen Situation bist, wirst du wahrscheinlich auch zum Folterknecht!”. Solche platten (Selbst-)Aussagen bleiben unkommentiert im Raum stehen und werden durch die Vielzahl der Stimmen zum Eindruck eines seriellen Blicks in einen destruktiven Abgrund verstärkt. Shocking, Dear!

Rar sind dagegen reflektierende Einschübe mit ethisch-reflexiven Gedanken, ebenso rar auch ironische Distanzierungen, wie etwa im Vorschlag, diejenigen, die Spaß am Foltern haben, einfach aufeinander loszulassen. Als zusätzlicher Verfremdungseffekt wird die Zeit eingesetzt, denn zwischen den Filmszenen und den Interviews liegen mitunter zehn Jahre. Man sucht nach Gesichtern, wird immer wieder auf die Gesichter der Interviewten zurückgeworfen, die das gerade Gesehene – so der unausgesprochene Vertrag mit dem Zuschauer – authentifizieren, aber lange Zeit des Films als anonyme Talking Heads agieren.

Wer sagt hier aus welcher Position warum was? Erst ganz zum Schluss werden die Mitwirkenden per Insert mit einem (ziemlich unpassenden und wenig aussagekräftigen) sozialen Index als Tänzerin, Landschaftsarchitekt, Schauspielerin, Minenarbeiter oder Bauer versehen. Diese Schlusspointe lädt nicht nur dazu ein, sich zumindest die Interviews noch einmal daraufhin ansehen zu wollen (so, als verriete der erlernte Beruf etwas über die Phantasie, was nur im Fall des Bauern tatsächlich so zu sein scheint!), sondern es fällt auch auf, dass sich ungewöhnlich viele sogenannte Kreative unter den Befragten befinden.

Was aber bedeutet es für den Interpreten, wenn in diesem Rahmen ein Akteur explizit als Schauspieler ausgewiesen wird? Ist die Tötungsphantasie dann offen »gespielt«? Oder gar die authentische Phantasie eines Schauspielers? Was ja schon kompliziert genug wäre: Man denke nur an die Tötungsphantasien eines Filmkritikers, der den Berg der Bilder in sich abzuarbeiten hat. So wird diese eigenwillige Mischung als Inszeniertem und Dokumentarischem in mehrfacher Hinsicht zu einem fruchtbaren wie riskanten Experiment, wie man als Zuschauer diesen Grenzbereich des Erzählerischen mit seinen widersprüchlichen Informationsangeboten interpretatorisch zu gewichten gewillt ist. Einfacher gesprochen: Wie man sich dazu verhält, was man hier sieht und hört.

Letztlich bleibt vieles spekulativ: Haben wir es hier mit »authentischen« Tötungsphantasien zu tun oder mit der Inszenierung von Authentizität, die sich ihren Thrill aus dem scheinbaren Tabubruch besorgt, der jedoch nur dann ein Tabubruch wäre, wenn »Authentizität« zu verifizieren wäre? Insofern dürfte der Reiz von “Zero Killed” weniger beim Raunen über den schmalen Grat zwischen Zivilisation und Barbarei zu suchen sein, als vielmehr bei der prinzipiellen Bodenlosigkeit, die das Spiel mit dem Semi-Dokumentarischen notwendig evoziert. Thematisch ist “Zero Killed” auf pubertäre Weise sensationsheischend, formal jedoch eine ziemlich clever arrangierte Nuss für Fans hermeneutischer Zirkel.

Benotung des Films: 7 Sterne von 10

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